MEIN THEATERSTÜCK

LAMORAKS NACHT

Ein Stück in 4 Akten

MIRIAM SHAHD
1. März 1995

 

PERSONEN

Lamorak, 19, eigentlich Helmut Baier
Spiro Solamon, 18, eigentlich Christian Svensson, Lamoraks Freund
Kara, 18, liebt Spiro
Hildegard Baier, Lamoraks Mutter
Detlev Baier, Lamoraks Vater
Hertrich, Englischlehrer
Geschichtslehrer
Lehrer
Hundebesitzer
Kinder mit Skateboards
Apothekerin
Junge
Mädchen

Stumme Passanten im Park und auf der Straße
Einige stumme, schwarz gekleidete Personen

Ort: Verschiedene Schauplätze in einer deutschen Großstadt unserer Zeit

 

PROLOG

Ein kleines, dunkles Zimmer, ähnlich einer Kapelle, mit Säulen und hoher Decke. In der Mitte steht ein leerer Sarg, über dem ein schwarzes Kreuz an der Wand hängt. Beides wird vom Schein einer Kerze auf dem Sargrand beleuchtet, neben der eine rote, weit aufgeblühte Rose liegt. Es befinden sich sonst weder weitere Möbel noch Menschen in dem Raum.

MEHRERE HEISER HALLENDE STIMMEN AUS DER DUNKELHEIT
Ich beschwöre Euch
Oh Herr Jesu Christ
Daß Ihr mir die gesamte Macht
Über all Eure Engel verleihet
Die aus dem Reich Eures Himmels verstoßen wurden
Um die Menschheit zu verblenden
Um sie zu mir zu locken
Sie an mich zu binden
Und auch zu entfesseln
Auf daß sie mir und meinen Worten gehorchen
Und mich für immer fürchten mögen

 

AKT I

Erste Szene

Stadtpark. Ein Morgen im Sommer. Eine Turmuhr läutet irgendwo halb acht. Lamorak und Spiro Solamon, beide schwarz und außergewöhnlich gekleidet, auf einer Parkbank. Die Sonne geht auf und ihre nach Osten gerichteten fahlen Gesichter leuchten undeutlich, ohne konkrete Züge im ersten Licht wie Totenköpfe mit dunklen Augenhöhlen. Über ihnen rauscht das Laub eines Baumes, Vögel zwitschern. Ein Weg führt an der Bank vorbei, auf dem verschiedene Leute zu Fuß oder mit dem Rad ihrem Arbeitsplatz entgegeneilen.

LAMORAK (lächelnd) Siehst du, wie sie sich beeilen? Keiner möchte zu spät kommen. Und wir... sitzen hier. Tun gar nichts. (streckt lässig die Beine aus, lehnt sich zurück. Erst jetzt kann man sein Gesicht ganz sehen, weiß geschminkt, schwarz um die Augen, auch an den Lippen und den Wangenknochen.)
SPIRO (unbehaglich) Jaaa...
LAMORAK Du hast ein schlechtes Gewissen. (Pause, wirft einen seitlichen Blick auf Spiro) Na, sie werden dich schon nicht gleich holen kommen.
SPIRO Du mußt es ja wissen.
LAMORAK Was soll ich denn sonst machen? (Spiro hebt verwirrt den Kopf beim Anklang der Verzweiflung) Ich halte es da drin einfach nicht mehr aus. Und nirgends, nirgends... Ich bin nur so froh, daß du da bist. Ich habe sonst keine Freunde mehr... Weiß nicht was die denken...
SPIRO Grundsätzlich wahrscheinlich gar nichts. Wer dich wirklich kennt läßt dich nicht fallen. Oder?
LAMORAK Ich weiß nicht. Weiß gar nichts mehr... (Schüttelt langsam den Kopf. Seine spitzen Schuhe mit den Silberschnallen scharren verlegen kleine Kieselsteine zusammen)
SPIRO (springt unvermittelt auf) Scheiße! Schau mal, da kommt der Hertrich!
LAMORAK (plötzlich grinsend) God help us!
(Beide springen blitzschnell über die Rückenlehne der Bank und verstecken sich im Gebüsch.)
LAMORAK (ärgerlich flüsternd) Ich schwöre, da is noch nie einer von den Typen hier vorbeigekommen...
SPIRO Halt bloß die Klappe! Wenn der uns jetzt erwischt, na dann gute Nacht.
LAMORAK  Das ist ganz allein meine Schuld
SPIRO Psssst!
(Beide starren durch die Äste auf den sich nähernden Lehrer. Hertrich bleibt genau vor der Bank stehen und stellt seine Aktentasche ab. Er dreht ihnen die Vorderseite zu während er in den Taschen seines Jacketts nach etwas sucht.)
LAMORAK (reckt neugierig den Hals) Was macht er? Was macht er?
SPIRO (zieht ihn nervös und ungeduldig zurück, zischend) Zündet sich ne Kippe an, du Arsch. Halt doch die Fresse!
LAMORAK (landet auf dem Rücken im Gras, zieht die Beine an und kichert) Ne Kippe, ne Kippe! Und wehe er erwischt mich mal! Auf dem Schuuuulhof. Baier, Verweis, hier wird nicht geraucht. Wer weiß, was Sie da überhaupt rauchen, so wie Sie schon aussehen. Warum der überhaupt noch 'Sie' zu mir sagt... Erniedrige mich, Hertrich-Arsch. Er glaubt mir nicht, daß ich neunzehn bin und dann grinst er blöd. Sooo ist das. Mit neunzehn in der elften Klasse! Andere fangen da an zu studieren! Und wie er sich anzieht und sich den halben Schädel kahlrasiert, und rauchen, schwänzen, sitzenbleiben, nichts tun. Hat sich sein Gehirn beim letzten Besäufnis ausgekotzt. Gegen den müssen wir was unternehmen. Und der Svensson fängt jetzt auch noch damit an... Runter von der Schule! Klingt schon wie mein Vater. Arbeiten. Aber was kann er denn, der liebe Helmut. Gaaar nichts. Unfähig. Das sieht sogar der Direktor und behält mich lieber, anstatt mich in die große weite Welt zu schicken. Sie sind doch ein intelligenter junger Mann. Heuchler! Strengen Sie sich an, machen Sie Ihr Abitur, bringen Sie es zu etwas. Sie Sie Sie...
(Schnappt keuchend nach Luft. Spiro kniet neben ihm im Gras, starrt ihn verwirrt an.)
SPIRO Was n los, Mann? Reg dich bloß wieder ab. Der Kerl is schon längst wieder weg. Sei doch froh, daß er auch raucht, dann kannste ihm nächstes Mal... war das wirklich so schlimm, damals?
LAMORAK (dreht den Kopf, höhnisch) Damals? Immer. Immer und immer wieder. Jeden Tag. Alle wollen, daß ich mich beuge. Aber ich will nicht. Und kämpfen will ich auch nicht mehr. Ich geh einfach nicht hin.
SPIRO Du hast Angst
LAMORAK (auflachend) Angst, nein... Wovor sollte ich denn noch Angst haben?
SPIRO (zuckt mit den Schultern) Na dann halt nicht...
LAMORAK Was bin ich dann? Ein Feigling.
SPIRO Das hab ich nicht gesagt!
LAMORAK Was denn aber sonst? Ich sollte mich stellen. Nicht dauernd vor allem weglaufen. Ihnen mein Gesicht zeigen. Aber dann schlagen sie doch bloß rein...
SPIRO Du müßtest bloß lernen. Zuerst für die Schule. Wenn du da gut bist, kannste dir alles erlauben...
LAMORAK So wie du, ja?
SPIRO (hilflos gestikulierend) Wenn du willst... ja! Ich hab meinen Führerschein, ich mache nächstes Jahr Abi, ich halte meine Referate und laß mich freiwillig abfragen... Wenn die mich sehen, wundern sie sich aber dann kriegen sie Respekt.
LAMORAK Dann bin ich ein Versager auf der ganzen Linie.
SPIRO Das glaube ich nicht. Du mußt nur lernen.
LAMORAK (lauter) Ja was denn, lernen lernen! Ich weiß schon so viel. Und immer diese Fragen, Fragen und ihre bösen neugierigen Augen. Und ich sitze da, ganz klein und kann mich nicht bewegen. Es tut weh! Ich esse nichts mehr.
SPIRO (besorgt) Jetzt hör schon auf! (Leise murmelnd, so daß Lamorak es nicht hört) Also noch einen Tag mach ich das nicht mit. Morgen hock ich wieder brav in der Schule. Ist ja auch wirklich gescheiter...
(Steht auf und streckt Lamorak beide Hände entgegen um ihm aufzuhelfen. Spiro und Lamorak schütteln ihre Kleider aus und setzen sich wie vorher nebeneinander auf die Bank.)

 

Zweite Szene

Park. Lamorak kauert mit angezogenen Beinen auf der Bank. Seine Lederjacke liegt neben der Bank im Gras. Er hat das Gesicht von der Sonne abgewendet und starrt in die Büsche, das Kinn fast auf der Schulter. Die Arme, mit denen er beide Knie umschließt und die man wegen dem schwarzen T-Shirt gut sehen kann, sind fast so weiß wie sein geschminktes Gesicht.
LAMORAK Ich mag das Licht nicht.
SPIRO (räkelt sich schläfrig neben ihm) Ich schon. Warm im Gesicht und überall...
LAMORAK Die Wärme schon. Da auf meinem Rücken... das ist schön. Aber das Licht selber... (sehr leise jetzt) macht mir Angst, glaub ich.
SPIRO (abwesend) Ach was...
LAMORAK Ich bewege mich lieber im dunklen. Ganz in der Nacht. Manchmal gehe ich raus. Es ist still, keine Menschen, nur Sterne und der Himmel, Dunkelheit überall. Da bin nur ich selber... Ich mag das. Kein Lärm...
SPIRO (belustigt) Du kannst zu den Pennern im Park gehen, die genießen das jede Nacht. Sommer wie Winter.
LAMORAK (leise) Du verstehst mich nicht...
SPIRO (erschrocken, streckt einen Arm aus und berührt Lamorak vorsichtig) Doch... doch natürlich! Ich bin doch dein Freund. Ohne Licht kann man halt nicht leben... das meinte ich.
LAMORAK (sehnsüchtig) Ich schon... Da könnte mich keiner sehen... Und wenn alle sterben... bin ich ganz alleine.
SPIRO Ich auch?
LAMORAK Nein. Für dich zünde ich ne Kerze an...
(Die Turmuhr läutet ein Uhr.)
SPIRO Ich glaub, wir können jetzt langsam gehen. Bevor der Hertrich wieder zurückkommt und uns doch noch erwischt.
LAMORAK Ja... Warte mal...
(Lamorak beugt sich über die Rückenlehne der Bank hinweg und reißt eine hellrote Sommerblüte von dem Busch hinter dem sie sich versteckt hatten ab.)
SPIRO (kühl) Auch die stirbt ohne Licht.
LAMORAK (blickt auf die Blüte in seiner Hand, fast traurig) Ja, ich weiß. Aber riech mal...
SPIRO (Macht einen Schritt rückwärts) Bloß nicht. Ich bin gegen das Zeug immer allergisch...
LAMORAK Riecht ganz lebendig. Und die muß auch nicht denken. Keiner tut ihr was. Alle finden sie schön.
SPIRO Wenn du sie blöd abreißt, muß sie verwelken. Das war schlau!
LAMORAK Nein nein!
(Sie laufen noch ein Stück durch den Park und kommen dabei an dem kleinen See vorbei. Enten quaken und das Schilf raschelt. Lamorak geht zum Ufer und wirft die Blüte in hohem Bogen ins Wasser. Sie landet gut und treibt sanft davon. Lamorak blickt ihr lächelnd nach.)
Siehst, so lebt sie ewig... Wenn ich sterbe, wünsche ich mir, daß ihr Blumen für mich ins Wasser werft. Ja?
SPIRO (schüttelt grinsend den Kopf) Spinner...

 

Dritte Szene

Straße. Lamorak und Spiro haben den Park verlassen und laufen den Gehsteig einer größeren Straße entlang. Die Leute, die ihnen entgegenkommen starren sie an und drehen sich nach ihnen um, wenn sie vorbei sind.
EINIGE KINDER (brettern auf ihren Skateboards vorüber) Schau mal, die Gruftis!
(Eine Frau mit Kinderwagen wechselt die Straßenseite. Die Schnallen an Lamoraks Schuhen klimpern bei jedem Schritt auf dem Asphalt, Spiros langer schwarzer Mantel weht im Sommerwind hinter ihm her wie eine Fahne. Ein großer Hund fletscht plötzlich die Zähne und rast bellend auf die beiden zu. Sein Herrchen, ein älterer Mann in Jackett und Hut, kann ihn kaum halten. Lamorak versteckt sich erschrocken hinter Spiro.)
SPIRO Scheißviecher!
(Tritt mit seinen Springerstiefeln nach dem Hund, der ihn fast anspringt. Der Hundebesitzer rastet jetzt fast genauso aus. Er zieht den heulenden Hund zwar mit einem Ruck an der Leine zu sich zurück, aber er schimpft wild auf Lamorak und Spiro.)
HUNDEBESITZER Lumpenpack! Ihr Nichtsnutze! Auf der Straße herumhängen und wehrlose Haustiere verletzen! Was fällt euch überhaupt ein?
LAMORAK (dreht sich zurück und scheint umkehren zu wollen. Schüttelt Spiros warnende Hand auf seiner Schulter ab) Paß gefälligst besser auf deinen Scheißköter auf, du alter Penner!
HUNDEBESITZER (hochrot. Läßt die Leine des Hundes los, der bereits das Interesse an den beiden verloren hat und an einem Laternenpfahl schnuppert. Stürzt sich auf Lamorak und packt ihn am Kragen seiner schwarzen Lederjacke) Was war das, Freundchen?
LAMORAK (wehrt sich nicht, grinst nur) Ich hab gesagt, du sollst auf deinen dreckigen Köter aufpassen!
HUNDEBESITZER (schlägt Lamorak mit der Handrückseite über den Mund) Ich hole die Polizei. Sowas laß ich mir von zwei so frechen Herumtreibern nicht gefallen!
SPIRO Verdammt nochmal!
(Spiro packt den Hundebesitzer von hinten und schubst ihn von Lamorak weg, der in die Knie sinkt, beide Hände vor dem Gesicht. Auf dem gegenüberliegenden Gehsteig hat sich eine kleine Menge Schaulustiger eingefunden. Ein Auto hupt, als ein zwei weitere Leute die Straßenseite dorthin überqueren. Spiro drückt dem Hundebesitzer die Hundeleine in die Hand und drängt ihn zum weitergehen.) Los, gehen Sie!
HUNDEBESITZER (plötzlich eingeschüchtert. Dreht immer wieder den Kopf nach Lamorak, der immer noch am Boden hockt) Was ist denn los mit ihm? Das wollte ich doch gar nicht! Das war doch nur...
SPIRO (ungeduldig) Gehen Sie schon! Der ist schon in Ordnung. Ich schau gleich nach ihm.
(Der Hundebesitzer blickt entsetzt in Spiros geschminktes Gesicht und weicht vor seiner Berührung zurück. Er entfernt sich langsam, nicht ohne sich noch mehrmals mit verwirrtem besorgtem Gesicht umzudrehen.
Zu Lamorak) Komm schon, bevor hier noch die Bullen antanzen.
LAMORAK (hinter den Händen vor seinem Gesicht) Sie hassen mich... alle!
SPIRO Jetzt mach kein Theater! Die schaun schon alle. Komm jetzt!
(Lamorak nimmt die Hände vom Gesicht und steht schwerfällig auf.
Erschrocken) Du blutest ja aus dem Mund!
LAMORAK Sie hassen mich...
SPIRO Los, wisch das weg! Was mußtest du dich auch mit dem Arschloch anlegen. Das war doch klar, daß das so n Spießer ist.
LAMORAK (versucht mit dem Saum seines T-Shirts das Blut zu entfernen) Du hast nach dem Vieh getreten!
SPIRO (ärgerlich) Ja, und das hätte auch gereicht!
LAMORAK Ich wollte doch nur...
SPIRO Ach, vergiß es. Vergiß es bloß! Haste das jetzt abgewischt?
(Spiro schaut Lamorak ins Gesicht.)
SPIRO Da ist noch was.
(Holt ein Taschentuch aus der Manteltasche und wischt Lamoraks Mundwinkel sauber.)
Wie n Kleinkind, echt! Was mußte auch immer überall Ärger kriegen?
LAMORAK (wie zu sich selbst) Ich hasse Menschen...

 

Vierte Szene

Lamorak und Spiro auf der Treppe vor einem großen Zweifamilienhaus sitzend.

SPIRO (vorwurfsvoll) Jetzt ist es schon gleich drei! Wir sitzen seit Stunden hier, nur weil du Depp deinen Schlüssel vergessen hast!
LAMORAK Es tut mir leid...
SPIRO Und zu mir können wir auch nicht...
LAMORAK Wieso eigentlich nicht?
SPIRO Mein Cousin braucht den Computer. Der tippt da grade seine Facharbeit ein.
LAMORAK Was, jetzt schon?
SPIRO In Latein, ja. Für so nen Wettbewerb. Das muß noch vor den Sommerferien fertig sein.
LAMORAK Sommerferien...
SPIRO Endlich in Urlaub fahren! Ich freu mich schon so.
LAMORAK Ich freu mich auf gar nichts mehr. Nichts verändert sich. Es bleibt alles gleich. Ich bleibe sitzen.
SPIRO (ungläubig) Doch nicht schon wieder?!
LAMORAK (zuckt mit den Schultern) Ich will gar nichts mehr. Nur in Ruhe gelassen werden... Mein Leben will nicht aufhören...
SPIRO (kneift plötzlich die Augen zusammen und starrt auf eine sich nähernde Person) Schau mal... Ich glaube da kommt Kara.
LAMORAK ( seltsam aufgeregt) Wo??? Wo denn? Ja... das ist sie. Geht wohl nach Hause...
(Kara erkennt beide und bleibt stehen. Sie trägt ein Gewand aus schwarzem Samt und ihre langen schwarzen Haare glänzen bläulich im Licht. Ihr Gesicht ist fast so geschminkt wie das von Lamorak.)
KARA (lächelnd) Oh, Spiro Solamon! Hallo Lamorak.
LAMORAK (lächelt ihr entgegen, aber Kara setzt sich neben Spiro und blickt nur ihn an)Hi Kara.
KARA (zu Spiro) Wo warst du denn heute?
SPIRO Mit Lamorak im Park. Keinen Bock uns das Gelaber anzuhören. Hat jemand was gesagt?
KARA Über dich nicht. Aber Lamorak wurde ausgerufen.
LAMORAK (erschrocken) Was, ich?
KARA Du bist doch der Helmut oder?
LAMORAK Jaja. Und was war?
KARA (desinteressiert) Was weiß ich. Du warst ja nicht da. Dringend ins Sekretariat kommen. In der zweiten Pause war dann nichts mehr.
LAMORAK Scheiße...
SPIRO Ach, mach dir keine Sorgen... Das war bestimmt nichts weltbewegendes...
LAMORAK (erschauernd) Ich bin mir nicht so sicher...
KARA (zu Spiro) Kommst du nächsten Freitag?
SPIRO Ich denke schon. Ja, klar. Soll ich irgendwas mitbringen?
KARA (lächelnd) Sekt für die Bar, wenn du Lust hast. Und DJ Deva legt auf.
SPIRO Na Waaahnsinn! Das ist die mit der blauen Strähne, oder?
KARA Genau. Naja, ich geh dann mal heim.
(Kara erhebt sich und hält Spiro ihre rechte Hand hin. Er deutet einen Handkuß an, lächelt.)
SPIRO Okay, wir sehen uns!
KARA Auf jeden Fall. Bis dann.
(Kara entfernt sich, der lange Rock flattert hinter ihr her.)
LAMORAK Liebst du sie?
SPIRO (überrascht) Wie kommst du denn darauf?
LAMORAK Ich glaube ich... liebe sie. Irgendwie... Aber sie sieht mich gar nicht.
SPIRO Na selber schuld, wenn du nie was sagst.
LAMORAK Sie möchte aber doch nur dich sehen und mit dir sprechen.
SPIRO (aufmunternd) Sie kennt dich nur nicht! Du mußt auch ein bißchen auf die Leute zugehen, ihnen eine Chance geben. Komm doch auch am Freitag und rede einfach mit ihr. Sie wird dich schon mögen. Sie hat zur Zeit keinen Freund.
LAMORAK (kaut angestrengt auf seiner schwarzen Unterlippe herum und schüttelt den Kopf) Ich kann nicht...
SPIRO Ich glaub ich geh dann auch bald. Das nervt mich jetzt alles hier...

 

Fünfte Szene

Lamoraks Zimmer. Er liegt auf dem Boden, allein. Es ist fast ganz dunkel. Man sieht sein weißes Gesicht leuchten wie eine Maske und erkennt undeutlich, daß er die Arme wie ein Gekreuzigter nach beiden Seiten ausgestreckt hat. Die Wände und Möbel sind mit schwarzem Samt verhangen. Irgendwoher erklingt in schleppenden düsteren Tönen Dark Wave Musik.

LAMORAK Ich bin müde und kann nicht schlafen. Ich sollte ins Bett gehen, es ist spät. Aber wenn ich da drin liege ist es so eng und ich muß wieder aufstehen. Ich irre im Haus herum. Schon seit Wochen. Ich werde wahnsinnig, ganz ohne Grund. Und jetzt bin ich zu müde um mich zu bewegen. Ah... Ich kann nicht einmal mehr atmen. Alles tut weh... Dabei bin ich ganz gesund. Mir fehlt nichts, und trotzdem... Wie wenn ich uralt wäre...
Angst habe ich. Vor allem. Gräßliche Angst und ich bin allein... Selbstmitleid ist das, und ich lache mich aus. Aber es hilft nichts. Ich habe Angst und kann es nicht zugeben. Es ist mir peinlich. Die Leute starren mich dumm an. Sie verstehen nicht... Keiner versteht je... erst wenn es zu spät ist... Soll ich kommen am Freitag... Ich weiß nicht... Was weiß ich schon? Ich möchte sie nur noch einmal sehen, ihr ganz nahe sein. Glaubst du , du schaffst das? Ich möchte nur, daß jemand da ist. Daß sich jemand um mich kümmert wenn ich so alleine bin. Und dann kann ich nur noch fliehen wenn ich einem Menschen begegne und mich hinter diesen schwarzen Vorhängen vergraben wie in einem Sarg. Alle sind mir viel zu nahe und trotzdem fremd und... feindlich. Ich hab Angst vor ihnen. Und was soll ich denn tun, wenn mir niemand hilft?

Es wird finster, man hört Lamorak nach einiger Zeit tief und gleichmäßig atmen.

 

Sechste Szene

Lamorak sitzt in der Schule, allein in der letzten Reihe. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und starrt hinaus in den Schulhof. Dort unten steht Kara und raucht. Dann kommt Spiro. Lamorak träumt und gähnt unbewußt herzhaft ohne die Hand vor den Mund zu halten.

LEHRER (ironisch) Ah, Helmut, wollten Sie wohl etwas sagen?
(Lamorak hört ihn nicht, sondern starrt weiter hinunter zu Kara und Spiro, die sich angeregt unterhalten.
Lauter) Helmut!
(Einige Mitschüler kichern, als Lamorak immer noch nicht reagiert. Sie denken, er macht sich über den Lehrer lustig, indem er ihn ignoriert. Der Lehrer macht ein paar Schritte auf Lamorak zu, baut sich vor dessen Pult auf.
Donnernd) Verdammt noch mal, Helmut, wenn Sie schlafen wollen, gehen Sie doch bitte woanders hin, aber nicht in meinen Unterricht!
LAMORAK (zuckt zusammen, blickt verstört um sich) Ich hab doch gar nicht...
LEHRER Und widersprechen Sie mir nicht! Sie haben es wohl nicht nötig, ihre Leistungen zu verbessern, oder wie seh ich das? Träumen können Sie auch woanders! Was wollen Sie überhaupt noch hier?
LAMORAK (springt wütend auf und packt seine Tasche. Der Lehrer weicht einen Schritt zurück, weil Lamorak größer ist als er und in seinem schwarzen Mantel noch bedrohlicher aussieht) Das frage ich mich auch grade!
(Lamorak stößt den Lehrer mit der Schulter zur Seite als er an ihm vorbei auf die Tür des Klassenzimmers zusteuert.)
LEHRER (von hinten) Also, wenn Sie jetzt gehen, dann... dann...
LAMORAK (ohne sich umzudrehen) Sie können mich doch mal, Sie Arschloch!
(Lamorak verläßt das Zimmer aus dem lautes Gelächter und die verärgerte Stimme des Lehrers dringen.
Er lehnt sich an die Wand und schließt die Augen.)
Ich hab ihm nichts getan... Gar nichts getan, was ihn so aufregen könnte... Ich kann das alles im Buch zu Hause nachlesen, was der da heute erzählt hat... ich könnte, ich könnte...
(Er stößt sich von der Wand ab und verläßt das Schulgebäude.
Unten im Hof trifft er auf Kara und Spiro.
Mit aufgesetztem Lächeln, soll heiter wirken) Was macht ihr denn hier?
SPIRO (überrascht) Das sollten wir wohl eher dich fragen. Wir haben nämlich ne Freistunde.
LAMORAK Ich glaub, in der Kollegstufe haben alle bloß noch Freistunden.
SPIRO Was war denn los?
LAMORAK (mit einem mürrischen Blick in Richtung des Klassenzimmerfensters über ihm) Der Geschichts-Arsch hat mich rausgeschmissen...
SPIRO Wieso das denn?
LAMORAK (zuckt mit den Schultern und starrt auf den Boden. Nach einiger Zeit) Ich hab ihm gar nichts getan...
(Kara steht schweigend daneben und saugt an ihrer Zigarette. Blickt mit zusammengezogenen Augenbrauen zwischen den beiden hin und her.)
SPIRO Ach, mach dir nichts draus... Mich haben auch schon welche rausgeschmissen, weil ich so laut gelacht hab.
(Er grinst Kara mit einem Seitenblick an und ihre Mundwinkel verziehen sich nach oben).
LAMORAK (trotzig) Ich hab gar nicht gelacht.
SPIRO Naja, das passiert halt jedem mal. Ah, hab ich ganz vergessen: Willste ne Kippe?
LAMORAK Nee... Sonst machen die mich gleich noch mal an...
KARA (zu Spiro) Glaubst du, der fragt heute in Erdkunde ab?
SPIRO Kann schon sein. Ich hab's jedenfalls nicht angeschaut. Mal sehen, wie ich mich da rauswinde, wenn ich drankomme... Aber ist ja auch egal. Hast du Mathe gemacht?
KARA Ja, du?
SPIRO Nur zum Teil. Irgendwann hab ich dann nicht mehr durchgeblickt.
KARA Du kannst es abschreiben, wenn du willst. Ich hab's mal mit den Lösungen verglichen und es hat alles gestimmt.
SPIRO (grinsend) Kleines Genie, oder was? Welche Lösungen überhaupt?
KARA Na, aus dem Abivorbereitungsbuch.
SPIRO Das hab ich gar nicht... Sollte ich vielleicht langsam mal kaufen... Kann ich Mathe dann mal haben?
(Lamorak steht auf der Seite, sieht ihnen zu und sagt kein Wort. Er steht vornübergebeugt da, scharrt mit den Füßen und sieht ziemlich traurig aus. Als es einmal gongt heben alle drei die Köpfe und lauschen.)
STIMME Eine Durchsage: Helmut Baier bitte sofort ins Sekretariat kommen. Ich wiederhole: Helmut Baier sofort ins Sekretariat!
SPIRO (verwirrt) Das bist du.
LAMORAK (düster) Damit war ja zu rechnen... Scheiße
(Er geht ohne sich zu verabschieden. Im Gang der Schule ist es halbdunkel, Licht fällt nur durch die großen Glasscheiben am anderen Ende des Ganges. Lamoraks Silhouette geht mit wiegendem Schritt den Gang entlang und spiegelt sich verschwommen im blanken Linoleum. Vor einer Tür rechts von ihm, auf der ein Schild 'Sekretariat' klebt, bleibt er stehen. Man sieht die Silhouette Atem schöpfen.)
Wenigstens bin ich von Spiro und Kara weg... Zu schön, wenn man sich überflüssig vorkommt. Aber was mach ich, wenn die beiden ihr Abi haben und ich ganz alleine an der Schule bin und wirklich gar keiner mit mir redet? Und Angst hab ich auch. Gerade jetzt... Was wollen die da drinnen von mir? Sie werden mich anstarren, mir Dinge sagen...
(Die Tür geht plötzlich nach außen auf und trifft Lamorak fast an der Stirn. Er fährt zurück und ein Lehrer, den er kennt kommt heraus.)
LEHRER Ach, Sie sind das! Was machen Sie denn noch hier? Die da drinnen warten schon auf Sie.
(Lamorak blickt dem Lehrer verblüfft nach, wie er im Gang verschwindet, dann geht er ins Sekretariat und schließt die Tür hinter sich.)

 

Siebte Szene

Lamorak sitzt vor dem Schultor, das Gesicht in beide Hände gestützt. Um ihn her liegen verstreut einige Fetzen Papier, die wie die Überreste eines Schulheftes aussehen. Aus einem nahen Papierkorb sieht man etwa die Hälfte von Lamoraks schwarzem Rucksack herausstehen. ES gongt dreimal und ein ganzer Schwall Schulkinder stürmt aus dem Gebäude. Lamorak kümmert sich nicht um das Lärmen und das Trampeln, er hebt nicht einmal den Kopf. Als es ruhiger geworden ist öffnet sich die schwere Holztür noch einmal und heraus treten Spiro und Kara.

KARA Schau mal, da ist Lamorak. Was hat der denn?
SPIRO ( blickt auf die Papierfetzen, den Abfallkorb und auf Lamorak, rennt dann plötzlich blitzschnell die Stufen hinunter und packt Lamorak an der Schulter) Was haste gemacht?! Bist du jetzt total durchgedreht oder was?
LAMORAK (blickt zu ihm auf, die Schminke auf seinem Gesicht ist gräßlich verschmiert. Seine Nase läuft und wo die schwarze Augenumrandung sich aufgelöst hat, sieht man, daß seine Lider rot entzündet sind. Sein Gesicht wirkt plötzlich alt und eingefallen) Ich...

(Kara wirft ihm kopfschüttelnd einen Blick zu und wendet sich ab um sich eine Zigarette anzuzünden.)
LAMORAK Ich... Es ist alles aus... alles vorbei...
SPIRO (seine Hand in Lamoraks Oberarm verkrallt) Was ist denn? Sag doch, was passiert ist!
LAMORAK (bewegt hilflos die weißen Hände) Sie haben mich geschmissen... von-der-Schule, der gottverdammten Schule geschmissen. Einfach so... Ich hab ihnen nichts getan. Ah...
(Lamorak stöhnt als ob er Schmerzen hätte und fängt an zu schluchzen. Wieder schlägt er die Hände vors Gesicht. Spiro setzt sich neben ihn und legt vorsichtig einen Arm um seine Schultern.)
SPIRO Ach komm schon, Alter... Reiß dich zusammen!
(Lamorak lehnt sich an ihn, die langen Haare von der unrasierten Hälfte seines Schädels fallen über sein Gesicht und verdecken seine verzerrten Züge.)
KARA (seufzend) Ich glaub nicht, daß das viel hilft, Spiro Solamon...
(Sie setzt sich neben Spiro auf die Treppe.)
SPIRO Ach was, natürlich hilft das. Lamorak ist doch mein Freund. Wir kennen uns schon ewig... Er hat nur immer Angst und braucht jemanden der sich um ihn kümmert.
KARA Warum geht er nicht zu seiner Mutter?
SPIRO (scharf) Na, das möchte ich sehen! Würdest du zu deiner Mutter rennen, an seiner Stelle?
KARA (nachdenklich) Wahrscheinlich nicht... Okay, das war dumm... Was sagt er?
LAMORAK (murmelnd) Nach Hause... Ich kann nie mehr nach Hause... Die bringen mich alle um... Ich halt das nicht aus... Warum kann ich denn nicht einfach...
SPIRO (sehr sanft) Du glaubst die drehen diesmal durch oder was?
LAMORAK (verzweifelt) Ja...
KARA Was sind das denn für welche?
SPIRO Die sind ziemlich reich, mit Haus und so...
LAMORAK (wimmernd) Sie hassen mich...
SPIRO Ihnen gefällt nur nicht wie er sich anzieht, daß er sitzenbleibt, nicht zum Friseur geht. Wahrscheinlich ist er echt unverschämt, aber was die mit ihm machen...
LAMORAK Hassen mich!
SPIRO Jetzt hör schon auf! Naja, die Mutter ist nicht so schlimm, glaub ich. Er mußte sich halt schon n paarmal mit seinem Vater prügeln...
KARA Hat er sich wenigstens anständig gewehrt?
SPIRO (seufzt) Das glaube ich weniger...
LAMORAK (wimmernd) Angst... Ich kann nie mehr nach Hause... Alles vorbei... Warum hilft mir denn keiner?
KARA Wenn du willst, kannst du für ne Zeitlang zu mir kommen. Ich wohn bei meiner Schwester und ihrem Freund. Die haben ne Riesenwohnung und da ist massig Platz.
(Lamorak nimmt die Hände vom Gesicht und starrt Kara ungläubig an.)
LAMORAK Meinst du das ernst?
KARA (lächelnd) Sonst würd ich's nicht sagen, oder?
LAMORAK (lächelt jetzt auch und wischt sich mit dem Handrücken mehrmals über die Augen) Danke...
SPIRO (grinsend, tätschelt Lamoraks Schulter) Na siehste, ist doch alles wieder in Ordnung.
LAMORAK (finster) Ja, und dann?

(Der Vorhang fällt)

 

AKT II

Erste Szene

Einige Tage später in Karas Zimmer. Auch sie hat schwarze Möbel und einen Samtvorhang. Erst als ein wenig Licht durch das Fenster hereinfällt kann man erkennen, daß jemand in dem zerwühlten Bett in der Mitte des Raumes liegt. Als das Licht stärker wird, bewegt sich die Person plötzlich, die Decke fällt zu Boden. Es ist Lamorak.

LAMORAK Scheiße
(Lamorak setzt sich im Bett auf. Er hat nur ein schwarzes enges Unterhemd ohne Ärmel und eine ausgefranste kurze Hose an. Seine Haare sind zerzaust und sein Gesicht verquollen. Man sieht ihn zum ersten Mal ohne Schminke.)
Noch ein Tag. Noch ein Tag, wieder und wieder, unaufhörlich...
(Er läßt sich zurück ins Bett fallen und streckt sich, die Arme nach oben. Seine Finger bewegen sich, als ob sie in der Leere etwas ergreifen wollen.)
Und was mach ich heute? Zeige den Wänden und der Einsamkeit mein Gesicht... Ich trinke viel zuviel. Früher nur bei Feiern und plötzlich dauernd, jeden Tag... Wenn der Kühlschrank leer ist gehe ich Nachschub holen. Ich bin nur noch besoffen. Und hilft es? Nein, wie lächerlich... Es hilft nicht.
(Er setzt sich wieder auf und gähnt.)
Es macht mich höchstens träge und fett. Ich will nicht so häßlich sein... Aber was macht das schon... Sie liebt mich nicht... Ich glaube, sie liebt wirklich Spiro. Weil der immer lachen kann, ist immer gut drauf, immer für einen da. Spiro hat die Riesenzukunft. Und was hab ich? Nein, sie hat nur Mitleid... Das ist schön, wenn sie nachts daliegt, so neben mir. Sie atmet, ganz gleichmäßig und ich erzähle ihr alle möglichen Sachen. Sie antwortet nur mit ihrem Atem. Sie sieht mich nicht. Und wenn ich aufwache ist sie fort, in die Schule gegangen... Was die daheim wohl denken... Bestimmt fragen sie Spiro. Und Spiro gibt ihnen eine gutgelaunte Antwort so daß sie sich nicht sorgen, bis sie ihn zum zweiten Mal fragen, dann zum dritten Mal...
Vielleicht fragen sie auch gleich bei der Schule. Dann haben sie's wenigstens. Unser einziges Kind... Ein versagender Nichtsnutz. Und ja... Das Nichts ist mir gefährlich nahegetreten... Noch ein Schritt und ich falle für immer in den Abgrund.
Ah, mein Kopf tut weh... Alles tut weh... Jetzt darf ich weinen...
(Er erhebt sich und geht mit schlurfenden Schritten zur Stereoanlage hinüber. Er drückt auf einen Knopf und schwere, düstere Musik erschallt.)
Vielleicht sollte nur einmal jemand kommen und mich durchschütteln und mir sagen, was ich zu tun habe, ohne daß ich davor wegrennen kann... Vielleicht würde ich dann einmal... Und so frißt mich langsam die Vergeblichkeit... Was wird nur aus mir, wenn ich jeden Morgen aufwache und als erstes nach einem Sinn frage, den es nicht gibt... Ich bräuchte eigentlich gar nicht mehr aufzuwachen...
(Lamorak zuckt zusammen, als die Tür plötzlich aufgeht. Spiro und Kara kommen herein. Lamorak lächelt ihnen zuerst entgegen, aber sein Gesicht verfinstert sich, als er sieht, wie Kara blitzschnell ihre Hand aus Spiros zieht. Spiro scheint nichts zu merken.)
SPIRO (breit grinsend) Hi Schwarzkittel! Na, wie geht's dir? Du schaust ziemlich fertig aus...
KARA Der säuft wie ein Loch. Jede Nacht bis er endlich irgendwann einschläft. Ich glaube, ich hole ihm doch noch ne Matratze. Das stinkt nämlich total, und falls er mal kotzen muß...
SPIRO (lachend) Ach hör schon auf! (Zu Lamorak) Geht's dir wirklich so dreckig?
LAMORAK (mit einem seltsamen Seitenblick auf Kara, nickt nur)
SPIRO Warum meldest du dich nicht einfach bei einer anderen Schule an, für nächstes Jahr? Es gibt doch genug Gymnasien in der Stadt.
LAMORAK Damit alles wieder von vorne anfängt?
SPIRO Oder du machst ne Lehre. Berufsschule, FOS, es gibt alles mögliche...
LAMORAK Ich kann gar nicht mehr.
SPIRO Jetzt tu doch nicht wie so n alter Mann! Ist doch gar nicht so schlimm! Dann lebste halt ne Zeitlang von deinem Sparkonto bis du was gescheites gefunden hast...
LAMORAK Ich will am liebsten einfach sterben...
SPIRO Na, den Gefallen tut dir bestimmt keiner! Du wirst schon noch deine nächsten sechzig Jahre hier ausharren müssen.
LAMORAK Blöder Optimist.
SPIRO Ich glaub, alle Schwarzen sind ziemlich depressiv. Aber du mußt den Dreh rauskriegen, daß sich alles ändert und irgendwann wieder besser wird. Ich hab auch meine schwarzen Phasen. Du kennst mich ja...
LAMORAK Du bist beim Hochwasser die Brücke runtergesprungen.
SPIRO Und was hat es mir gebracht?
LAMORAK Ich hätte mich das nie getraut. Ich bin immer zu feige.
SPIRO Der Krankenwagen hat sechshundert Mark gekostet. Mußte ich meinen Alten in Raten abzahlen. Jeden Monat dreißig Mark.
LAMORAK Du hast zwei Tage lang auf der ersten Seite gestanden.
SPIRO (grinsend) Ein Spendenaufruf hätte mir viel mehr geholfen... Ich war nur noch pleite. Aber jetzt isses vorbei. Mir geht's gut. Hätte ich nicht erlebt, wenn ich damals ertrunken wäre.
LAMORAK Ich hätte ertrinken sollen. Aber ich konnte dir nicht mal helfen. Ich bin dagestanden und hab ins Wasser gestarrt.
SPIRO (grinsend) Und dann biste umgefallen.
LAMORAK (verlegen) Ja... Weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie jemand so mutig sein kann... Ich bin echt froh, daß du noch da bist.
KARA (die bis jetzt nur geschwiegen hat) Das kannste laut sagen!
SPIRO Und genauso möchte ich, daß du da bist, klar?
LAMORAK (leise) Da bist du dann aber auch wohl der einzige der so denkt.
(Kara schweigt.)

 

Zweite Szene

Karas Zimmer. Lamorak sitzt auf dem Bettrand. Hinter ihm kniet Kara und versucht mit einem Kamm seine nassen, schwarzen, langen, verfilzten Haare zu glätten. Lamorak lehnt sich ein bißchen zurück und lächelt mit geschlossenen Augen.

LAMORAK (behaglich) Ich mag das...
KARA Du hast echt schöne Haare... Ganz glatt und weich. Die fallen immer so, wie sie sollen. Und ich hab immer mit diesen blöden Locken zu kämpfen.
LAMORAK Ich find Locken ganz schön...
KARA Hast du sonst auch dunkle Haare?
LAMORAK (lächelnd) Ich bin eigentlich blond. Du solltest mal die alten Fotos von mir sehen. Mit Stoppeln und Brille. In der fünften Klasse oder so... Vielleicht gings mir da ja besser. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, daß ich damals Gott verflucht hab und mir gewünscht hab, möglichst schnell zu sterben...
KARA Später lachst du mal drüber. Willst du nicht mal zu Hause anrufen?
LAMORAK (zuckt mit den Schultern) Wozu denn? Sie schreien mich an. Komm sofort nach Hause. Was ändert sich dann? Ich glaube, sie zerstören mich. Obwohl sie es ja sicher gut meinen... Aber irgendwie. Hier kann ich viel freier atmen. Ich glaub ich brauche erst mal ne ganze Menge Zeit.
KARA Na, ohne Schule hast du die ja...
LAMORAK Deine Schwester hat nichts gegen mich?
KARA Daß du hierbleibst? Ach was! Die arbeiten sowieso den ganzen Tag. Nee, das ist echt in Ordnung. Du wüßtest ja auch nicht, wo du sonst hingehn solltest, oder?
LAMORAK Ich habe niemanden. Warum wohnst du eigentlich hier? Hast du auch so tolle Eltern?
KARA Nee, das ist ganz anders. Vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben. Und weil meine Schwester schon hier gewohnt und gearbeitet hat, hat sie gemeint, ich kann hier mit einziehen, weil meine Mutter das Haus verkaufen wollte. Und ich wohn echt lieber hier als bei meiner Mutter. Die hat sich hier in der Nähe ne kleine Wohnung genommen und wir sehn uns ab und zu. Aber ich bin immer besser mit meinem Vater ausgekommen als mit ihr. Das ist echt besser so. Solang ich in der Ausbildung bin, kann ich hier bleiben und dann... mal sehen.
LAMORAK Ihr habt alle noch so tolle Perspektiven... soviel Hoffnung.
KARA (streichelt mit beiden Händen über seine Schultern und küßt ihn auf den Hals) Ich glaube, je mehr schlimme Dinge einem passieren, desto mehr Hoffnung hat man. Die Menschen sind schon seltsam. Sie denken immer, es müßte umgekehrt sein. Wenn es dir gut geht, dann geht es dir gut, aber das stimmt nicht. Du darfst dich nur nicht selber verlieren, das ist das wichtigste an dem ganzen Spiel.
(Lamorak schläft in Karas Armbeuge geschmiegt ein.)

 

Dritte Szene

Lamorak im Badezimmer vor dem Spiegel. Er ist ungeschminkt und beugt sich über das Waschbecken, um sein Gesicht näher zu betrachten.

LAMORAK (mit gesenkter Stimme, fragend) Ich sehe mich und doch sehe ich nichts. Sag mir, was ich tun soll, du!
(Er zieht eine Grimasse und lacht leise.)
Bin ich wirklich nur ein einzelner kleiner Mensch? Einer von ganz vielen? Mir kommt es so vor, als wäre mein Kopf riesengroß, als hätte ich schon viele Male gelebt und gesehen wie alles stagniert und darum... bin ich jetzt müde.
(Er seufzt und dreht dem Spiegel den Rücken zu.)
Jetzt haben sie mich überredet nach Hause zu gehen. Ich werde mal sehen, was die da so machen. Wie es ihnen geht. Wenn sie gedacht haben, ich wäre tot, freuen sie sich vielleicht. Vielleicht auch nicht... Warum höre ich immer auf andere?
(Er dreht sich unvermittelt wieder zum Spiegel, starrt mit zusammengekniffenen Augen in sein Gesicht.)
Na, was sagst du dazu? Du lachst nur. HA HA! Wo ist mein Selbst? Bin das noch ICH? Der Spiegel zeigt nur eine hämische Fratze, den fahlen Abklatsch eines Ichs... Früher, ja... Früher kannte ich dich einmal gut. Ich hatte dich unter Kontrolle, erinnerst du dich? Und jetzt merke ich, wie du mir plötzlich entgleitest, dich unter meinen Händen allmählich auflöst, das geht so schnell... Und ich glaube nicht, daß ich dich aufhalten kann. Ich starre erschrocken. Nein, du hast Dornen um dich herum, die früher nicht da waren, die sich in mein Blut graben, wenn ich nach dir taste. Sie dich doch mal an, dein feiges Scheinsein, diese elende Maske, dein ganzer Haß. Schmerzen...
Ich werde verrückt.
Ich möchte schreien. Schreien und schreien. Aber nicht hier. Nicht wenn der Widerhall des Schreis der Autoritäten tausendmal lauter durch die verdrehten Stränge in meinem Hirn dröhnt. Nein, ich warte...
Leise, leise...
Er beginnt schnell und rastlos in dem kleinen Raum hin und her zu laufen wie ein Raubtier im Käfig, ringt dabei die Hände.)
Niemand darf mich hören, keine lauten Schritte, keine Stimmen mehr. Ich bin gar nicht da. Eingesperrt in mir selbst. Ha! Und atmen! Atmen kann ich gut. Strafe für das Nichts meiner Existenz: Ein hämmerndes Herz.
(Er stürzt sich auf den Spiegel, packt dessen Ränder mit beiden Händen.
Schreit) Wie klein! Häßlich und lächerlich! Ich betrachte mich grinsend, vergnüge mich auf Kosten anderer verkommener Ichs die der Reihe nach auf ihren Auftritt warten und ein Teil von ihnen steht noch dort und starrt dumm in die Leere. In Verzweiflung locke ich mich an und torkle kichernd durch mein sogenanntes Leben. Ich finde keinen Sinn! Ich spüre kein Glück!
Und auch der Spiegel erzählt unendliche Lügen. Haß und Häßlichkeit vereint. Weiße Maske. Haß!
(Plötzlich leiser und verwundert) Ich blute...
(Er nimmt die Hände von den scharfen Kanten des Spiegels, es tropft rot von seinen Handflächen auf den Boden. Lamorak starrt gebannt darauf. Plötzlich ein wimmerndes Stöhnen.)
Kara...
(Lamorak löst sich plötzlich aus der Erstarrung. Er rennt aus dem Badezimmer, man sieht ihn nicht mehr, hört nur noch seine panischen Schritte, als er durch die Wohnung rennt, Möbel umstößt auf der Suche nach Kara, die nicht antwortet, weil sie nicht da ist.
Im Hintergrund laut kreischend) Kara! Kara, ich blute! Hilf mir! Ich bin ganz allein! Der Moment, der einzige schreckliche Moment meiner Gegenwart. Keine Vergangenheit und keine Zukunft. Der schreckliche Moment der nicht aufhört, Kara! Und Platz darin habe nur ich. Ich frage: warum ich? Und erhalte keine Antwort. Nur das Echo:
ICH! ICH!

Der Raum wird dunkel, nur die Blutflecken auf dem Boden werden noch beleuchtet und glitzern feucht im Licht. Lamoraks Kreischen wird zu einem heiseren Schluchzen und verebbt langsam.

 

Vierte Szene

Karas Zimmer. Kara verbindet Lamoraks Hände. Spiro steht daneben und sieht dabei zu.

SPIRO (vorwurfsvoll) Du wolltest dich umbringen.
LAMORAK (verzweifelt) Nein! Ich schwöre. Wirklich nicht! Umsonst ist doch auch der Tod! Auch der Tod kann nicht ewig dauern! Raum und Zeit gibt es doch nur im Diesseits und nicht im Jenseits!
KARA Ich glaube, er steht unter Schock
SPIRO Oder unter Drogen. Vielleicht ist er besoffen...
KARA Nein...
SPIRO Glaubst du, wir sollen einen Arzt holen?
(Er legt zärtlich eine Hand auf ihren Arm. Kara lächelt ihn an und öffnet den Mund um zu antworten.)
LAMORAK (springt unvermittelt auf, schreit) Warum faßt du sie so an? Warum das? Du hast gesagt, du könntest sie nicht lieben, warum machst du das jetzt? Ich dachte immer...

Er blickt zwischen den beiden, die erschrocken erstarrt sind, hin und her, setzt sich dann schweigend zurück auf die Bettkante und hält Kara ergeben seine Hände hin.

 

Fünfte Szene

Lamorak vor dem Zweifamilienhaus, auf dessen Stufen er und Spiro vor wenigen Tagen warteten. Es scheint keine Sonne mehr, alles wirkt kalt und trostlos. Ein heftiger Windstoß peitscht Lamorak seine schwarzen Haare ins Gesicht. Er streicht sie hastig weg und zieht den schwarzen flatternden Mantel erschaudernd enger um seinen Körper.
LAMORAK Ein Gewitter kommt auf. So mitten im Sommer...
(Er legt den Kopf in den Nacken, scheint den bewegten Himmel zu beobachten.
Lächelnd) Die Wolken ziehen eilig vorüber und verändern ihre Form. Sie fliehen vor meinen Augen, ich starre hinterher, gefesselt, möchte ihnen folgen, mich ihnen anschließen, mich ändern, genauso schnell und ohne Bedenken, hinaus in die Freiheit... Aber ich kann nicht. Irgendwie bin ich immer angekettet an diese Existenz, die ich mir selbst auferlegte, wie ein Fluch aus meiner eigenen Seele und dann werde ich traurig.
Und jetzt muß ich dort hinein.
ER blickt mit zusammengekniffenen Augen auf die verschlossene Haustür des grauen, abweisenden Gebäudes.
LAMORAK Es erscheint feindlich. Wenn ich nicht wüßte, das es da drin warm ist, daß es Licht dort gibt, ich würde mit den Wolken rennen so schnell ich kann und mich niemals umdrehen. Kara und Spiro. Aber diesmal muß ich wohl...
Er geht die Eingangstreppe hinauf und klingelt. Als sich nichts rührt, klingelt er noch mal, dieses Mal länger.
Jetzt geht ein Licht im Hausflur an, man hört Schritte, sieht einen Schatten, der sich eilig nähert. Lamorak zieht die Schultern hoch. Die Tür öffnet sich nach innen und Lamoraks Mutter steht vor ihm.

MUTTER Helmut!
LAMORAK Ja...
(Er zuckt mit den Schultern.)
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich lebe halt noch.
MUTTER (aufgeregt und den Tränen nahe) Wir haben in der Schule angerufen, die haben uns alles gesagt. Und als du dann nicht gekommen bist. Und dein Freund Spiro hat kein Wort gesagt. Dein Vater ist dich sogar suchen gegangen, da in dem Wald, wo sich schon mal jemand umgebracht hat. Und so lange Zeit... Wo warst du denn?
LAMORAK (kühl) Bei Freunden. Es geht mir gut.
MUTTER (hektisch) Hattest du genug zu essen? Willst du jetzt was zu essen? Ich hab gestern erst Brot gebacken! Etwas trinken?
LAMORAK Du hast dir Sorgen gemacht.
MUTTER (nickt heftig und verkrampft ihre Finger ineinander) Ja, Sorgen! Keine Nacht habe ich mehr geschlafen. Ich wollte schon zur Polizei gehen, aber dann hab ich gedacht, vielleicht wird er noch vernünftig und kommt zurück...
(Sie bricht in Tränen aus und will sich abwenden.)
LAMORAK (sanft) Nicht weinen...
Er lächelt und umschließt sie mit seinem Mantel wie eine Fledermaus.

 

Sechste Szene

Lamorak und seine Mutter in einer gemütlichen, großräumigen Küche. Die Küchenuhr an der Wand zeigt zwanzig nach sechs. Lamorak sitzt am Tisch, zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt. Sein Gesicht leuchtet und er lächelt. Vor ihm steht das leere Geschirr von dem er gegessen und getrunken hat.

LAMORAK (zufrieden) Das war saustark!
MUTTER (lächelnd) Na, na, na!
(Sie nimmt das Geschirr vom Tisch und fängt an, es in der Spülmaschine zu verteilen.)
LAMORAK Ich glaub, ich hab schon ewig nicht mehr sowas gutes gegessen. Oder zumindest nicht in der Menge... Mann, bin ich satt!
MUTTER Und ich bin froh, daß mal wieder jemand da war, der anständig gegessen hat. Dein Vater ißt immer Mittags groß im Büro und abends...
LAMORAK Mhm...
(Die Mutter zieht ihre Schürze aus und hängt sie an einen Nagel hinter der Küchentür.)
MUTTER Ich gehe schnell mal ins Wohnzimmer. Ich muß dir dringend was zeigen.
LAMORAK (mißtrauisch) Was denn... zeigen?
MUTTER (geheimnisvoll) Na wart's mal ab. Es ist gar nichts schlimmes...
Die Mutter verschwindet durch eine seitliche Tür.)
LAMORAK Sie meint es wirklich gut. Sie ist mir auch gar nicht böse, hält mir meine Fehler nicht vor. Sie sagt mir nicht, ich soll zum Friseur gehen oder meine Kleidung ändern... Ich glaub, früher hab ich nicht gewußt, wie gut sie es meint. Selbstverständlich ist es nicht... Ich fühle mich plötzlich viel besser... Zufrieden? Ich glaube, ich könnte fast lachen. Vielleicht kommt ja doch noch alles in Ordnung...
(Die Mutter kommt zurück, einen großen Bogen kartoniertes Papier in der Hand und setzt sich neben ihm an den Tisch.)
MUTTER Also, paß auf: Das hier ist der Grundriß von unserem Haus. Das hier ist das Dachgeschoß und hier ist der Keller, ja?
LAMORAK (zuckt mit den Schultern) Klar. Und was jetzt?
MUTTER Wenn ich dich richtig verstehe, hast du keine Lust, noch länger auf die Schule zu gehen, auch nicht auf eine andere?
LAMORAK (seufzend) Nein, hab ich eigentlich nicht. Und was hat das jetzt damit zu tun?
MUTTER Naja schau: Wenn du und dein Vater, aber vor allem du, den Keller und das Dachgeschoß renoviert und ausbaut, habt ihr bestimmt einige Monate damit zu tun, wenn ihr wirklich alles selbermachen wollt. Und die alten Röhmers von nebenan haben schon gefragt, ob man bei ihnen nicht das gleiche auch noch machen kann. Die wollen das Haus allmählich verkaufen und in eine Wohnung ziehen. Ist ja verständlich! In dem Alter möchte ich auch keine Treppen mehr steigen müssen. Und Kinder haben sie keine. Das könntest du machen. Am Anfang zeigt dir dein Vater wie's geht, und dann machst du alleine weiter. Und daß wir uns hier nicht falsch verstehen: Wenn wir wirklich alles selbermachen, sparen wir mehrere tausend Mark. Ich habe mir überlegt, daß du davon einen Teil davon für deinen Führerschein verwenden könntest, nur so als Beispiel. Und im Winter kannst du dich dann in Ruhe informieren und für verschiedene Sachen bewerben, falls du dich doch auf einmal für irgendetwas interessierst. Wiegesagt, das ist alles nur ein Vorschlag... Wie findest du das?
LAMORAK (verträumt) Ich würde gerne mal was mit Pflanzen machen. Fast nur draußen sein und mich um sie kümmern. Sie brauchen mich. Wenn ich sie nicht gieße, gehen sie ein.
MUTTER Du hast ja genügend Zeit, um dich über etwas in der Richtung zu informieren.
LAMORAK Und Holz mag ich auch ganz gerne... Ich kann die Wände ganz weiß streichen...
MUTTER Wohnen wirst du dann schon hier bleiben müssen. Soviel können wir auch nicht zahlen. Aber ich verspreche dir, daß wir dich nicht viel anders als einen normalen Arbeiter behandeln werden. Keiner redet dir da rein.
LAMORAK Warum vertraust du mir so?
MUTTER Vielleicht, weil du vor neunzehn Jahren aus meinem Bauch gekrochen bist, und ich dich diese ganze Zeit lang großgezogen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das mit dir ewig so weitergeht. Früher warst du ja auch ganz anders.
LAMORAK Ja, früher... Da war noch irgendwo ein Licht. Aber jetzt herrscht die schlimmste Dunkelheit. Ich kann gar nichts mehr sehen... Ich bin wie blind. Du streckst mir deine Hand hin und ich schlage sie blind weg, weil ich denke, sie will... mir böses antun... Ich denke nicht mehr real.
(Lamorak legt die verschränkten Arme vor sich auf den Tisch und den Kopf darauf. Er blickt seine Mutter unsicher an und sie streicht mit einer Hand über seine langen, schwarzen Haare, die ihm weich ins Gesicht fallen.)
MUTTER Dann solltest du so schnell wie möglich anfangen! Wenn du dir erst mal deine Daumen unter dem Hammer zerquetscht hast, wirst du schon merken, wie real das hier alles ist. Und irgendwann wird es dir Spaß machen.
LAMORAK (grinsend) Die zerquetschten Daumen?
MUTTER Nein, das Arbeiten, deine Aufgabe! Als Herausforderung!
Wo nur dein Vater heute wieder bleibt...
(Im gleichen Moment hört man Schritte von außen, eine Tür wird aufgesperrt und fällt wieder ins Schloß.
Lamorak hebt den Kopf und duckt sich in seinem Sitz.
Die Küchentür geht auf und ein Mann steht im Türrahmen, größer und breiter als Lamorak. Der Mann lächelt zuerst und sieht freundlich aus.)
VATER Guten Abend, Hilde...
Der Vater erblickt Lamorak und hält mitten im Satz inne. Sein Gesicht verzieht sich äußerst wütend.
Zur Mutter) Was will der denn hier?
MUTTER (freudig) Der Helmut ist zurückgekommen! Ganz von alleine! Und ich habe ihm erklärt...
VATER (zu Lamorak) Was willst du hier? Denkst du, du kannst ins Warme zurückkriechen, wenn es dir grade so paßt?
LAMORAK (antwortet nicht, er sitzt immer noch geduckt da und blickt ängstlich zwischen Vater und Mutter hin und her. Man sieht ihn schwer atmen)
VATER (lauter) Sieh dir den doch mal an! Wie die Penner vom Bahnhof! Da gehört er hin, und nicht in unser Haus hier, dieser Nichtsnutz! Das ist eine Schande vor der ganzen Nachbarschaft! Schau dir doch mal diese Haare hier an!
(Der Vater packt Lamorak an den Haaren, man sieht, daß Lamoraks rechte Schädelhälfte kahlrasiert ist, die langen Haare waren nur darübergekämmt. Lamorak verzieht das Gesicht, wehrt sich aber nicht.)
MUTTER Detlev!
VATER Ich kann das nicht sehen. Und wie er stinkt. Dreckig und ungewaschen an unserem Küchentisch! Na komm schon!
(Er zerrt Lamorak auf die Füße, der seine Mutter hilfesuchend anblickt, aber sie greift nicht ein. Der Vater stößt Lamorak unsanft auf die Tür zu.)
Raus mit dir! Jetzt ist es endgültig genug! Und du blamierst uns bei allen Leuten. Ich mußte in die Schule gehen und mich dort sogar von eurem Direktor dumm anreden lassen wie ein Trottel, der unfähig ist, sein eigenes Kind halbwegs anständig zu erziehen. Was erlaubst du dir eigentlich!
(Der Vater schubst Lamorak vor sich her, tritt sogar nach ihm. Für einen Moment krallt sich Lamorak am Türrahmen fest, die Augen auf seine Mutter gerichtet und versucht sich loszuwinden.
Aber der Vater, jetzt noch wütender, zerrt an seinem anderen Arm, löst Lamoraks Hand mit den Fingernägeln.)
Du nichtsnutziger Parasit! (Lamorak und sein Vater verschwinden, die Tür knallt hinter ihnen zu.)
LAMORAK Ich will nicht! Laß mich los! Laß mich doch in Ruhe! Ich hab dir nichts getan! Ah...
(Man erkennt verschwommen zwei Silhouetten hinter der geschlossenen Küchentür aus Milchglas. Der größere Schatten schlägt mit der Faust auf den kleineren Schatten ein, der wehrlos auf dem Boden kniet, die Hände zum Schutz über dem Kopf.)
MUTTER (ruft ihnen hilflos und händeringend hinterher) Detlev! Nimm dich doch zusammen! Das hilft doch nicht!
STIMME DES VATERS (heiser und verbissen) Du kleines Arschloch! Verschwinde aus meinem Haus! Und komm mir ja nie mehr unter die Augen.
LAMORAKS STIMME (kreischt angst - und schmerzerfüllt) Du hast ihm nichts davon gesagt, Mutter! Du hast mir auch bloß was vorgemacht! Und ich hab dir vertraut! Ihr steckt doch alle unter einer Decke! Ihr gemeinen Verräter!

(Der Vorhang fällt)

 

AKT III

Erste Szene

Nacht. Ein großer dunkler Raum. Es erschallt laut langsame, düstere Musik aus den Lautsprechern. In einer Ecke steht ein sechsarmiger Kerzenständer, die schwarzen Kerzen hell erleuchtet und einige samtüberzogene Sessel. An der Wand gegenüber befindet sich die Bar. Ein paar schwarz gekleidete Gestalten stehen an die Wand gelehnt oder hocken am Boden oder in den Sesseln und unterhalten sich, zwei oder drei Leute tanzen. Im Hintergrund sieht man DJ Deva am CD-Player, erkennbar an ihrer blauen Haarsträhne. Als Spiro und Kara den Raum betreten, wird die Musik leiser, die anderen Leute treten etwas in den Hintergrund. Spiro trägt seine Lederjacke lässig über der Schulter, den linken Arm hat er um Karas Taille gelegt. Beide sind stärker geschminkt als sonst, Spiros Haare sind nach rechts gekämmt und etwas auftoupiert, die frisch geschorene linke Hälfte seines Schädels leuchtet weiß im Kerzenlicht.

SPIRO Willst du was trinken?
KARA (zieht den schwarzen Mantel aus, den Spiro auch schon anhatte, und hält ihn Spiro hin. Sie trägt schwarze Spitzenhandschuhe. Lächelt.) Ja, bitte! Nimmst du den gleich mit?
SPIRO (lächelt zurück und küßt Kara) Na klar.
(Nach ein paar Minuten, während derer Kara sich umblickt und einigen Bekannten zuwinkt, kommt Spiro zurück, zwei langstielige Sektgläser in der Hand.)
SPIRO Voila!
(Sie nippen beide an ihren Gläsern.)
Glaubst du, daß Lamorak noch kommt? Ich hab ihn so oft gefragt?
KARA Ich weiß nicht... Eigentlich glaub ich's nicht... Der war so fertig gestern. Du hast es ja selber gesehn. Voll das blaue Auge und so.
Der hat die ganze Nacht lang gejammert und geheult.
SPIRO Auch noch als ich weg war?
KARA Der hat sich gar nicht mehr beruhigt! Ich hab dann im Wohnzimmer gepennt, als ich's nicht mehr ausgehalten hab. Als ich heute früh zum Anziehen reinkam hat er dann geschlafen und Mittags ist er total breit im Wohnzimmer vor dem Fernseher gehockt und war gar nicht ansprechbar. Als ich gegangen bin, hab ich ihn noch gefragt, und er hat gesagt, er ist in Ordnung. Was weiß ich...
SPIRO (besorgt) Vielleicht hätten wir doch dableiben und auf ihn aufpassen sollen...
KARA (fast empört lachend) Ach was! Er ist doch kein Baby mehr! Der spinnt zur Zeit eben etwas! Das wird schon wieder. Er kann ja bei uns wohnen, solang er will, und das ist doch am wichtigsten... Du wirst doch wegen dem nicht eine der besten Parties überhaupt verpassen wollen?
SPIRO (unsicher grinsend) Nein, wirklich nicht...
(Kara setzt sich in einen der Sessel und zupft Spiro am Ärmel. Er kniet sich neben den Sessel und küßt sie wieder.
Sagt dann leise)
Vielleicht kommt er ja doch noch...

 

Zweite Szene

Karas Zimmer. Es ist so finster, daß man kaum die Umrisse des Bettes ausmachen kann.
(Plötzlich)
LAMORAKS STIMME (heiser) Und obwohl er gesund war, mußte er sterben... Sie brachten ihn in ein Krankenhaus und er lag auf der weißen Bahre und starrte an die weiße Decke, doch dann kamen sie zurück: Dir fehlt nichts. Und schickten ihn fort.
(Schallendes Gelächter)
Fort. Abgetrieben. Wo sind meine Eltern? Der Raum ist zu groß, zu weit, grenzenlos, von mir nicht mehr zu erfassen. Warum bin ich überhaupt noch hier? Kara... Alle sind weggegangen, haben mich weggeschoben und vergessen. Und dann... Dachte er doch es gäbe noch Hoffnung. Und er schlug ihn. Mein eigener Vater! Verlassen. Alle sind fröhlich, umtanzen mich lachend. Und ich dazwischen... Sie wenden sich ab. Alle wenden sich ab... und laufen davon. Weil sie mehr erwarten als Sinnlosigkeit. Und erst wenn alle gefallen sind, dann... Jaaa. Dann begreifen sie vielleicht. Wenn es zu spät ist.
(Man hört Lamoraks zitternden Atem.)
Und dort... Wozu auch die Sonne... wozu der silbrig-finstere Mond dort oben, der mich immer leer anglotzt, meine Träume vergiftet, den ich jede Nacht im Schlaf anheule, weil er doch Dunkelheit verheißt hinter der ich mich verkriechen kann, vielleicht, wo mich endlich niemand mehr anstarren kann, wo diese schreckliche Angst vor meiner gnadenlosen Existenz ein Ende findet, vielleicht, doch auch er will nicht weggehen. Hört ihr mich?
Die Stimmen. Da!
Sie reden doch mit mir. Tag für Tag, jede Sekunde, krallen sich in meinen Kopf, kann sie nicht vetreiben, bis er zu explodieren droht, ein Gewirr aus Stimmen. STIMMEN!!!
Ich schlage mich selbst ins Gesicht und spreche hunderttausend verschiedene Sprachen, die mir selbst unbegreiflich sind. Ich bin es doch selbst! Und warum das alles? WARUM???

Erneutes hysterisch schallendes Gelächter.

 

Dritte Szene

Lamorak in der Nachtapotheke. Die Apothekerin, eine alte Frau mit dicker Brille, blickt gelangweilt von ihrer Bildzeitung auf und starrt ihn trotz seiner Schminke und seiner aufgestellten Haare nur müde und gleichgültig an.

APOTHEKERIN Bitte?
LAMORAK Ich kann nicht schlafen. Können sie mir da was geben?
APOTHEKERIN Ich würde es zuerst mal mit einer Wärmflasche versuchen. Oder heiße Milch mit Honig.
LAMORAK Das hilft alles nicht. Das geht schon seit Wochen so. Ich zerbreche allmählich. Und ich muß lernen. Wir schreiben noch Schulaufgaben nächste Woche.
APOTHEKERIN (mißtrauisch) Was denn, noch so kurz vor den Sommerferien?
LAMORAK In der Zwölften läuft das alles etwas anders. Wir haben uns auch aufgeregt, aber was soll's... Haben Sie jetzt was da?
APOTHEKERIN Ja, aber nur mit Kräutern. Baldrian wirkt auch sehr beruhigend.
LAMORAK (abwehrend) Nein, bloß nicht! Gegen sowas bin ich immer allergisch.
APOTHEKERIN Ach so...Für die stärkeren Sachen bräuchte ich aber ein Rezept...
LAMORAK Oh Scheiße... Kann ich das nicht am Montag vorbeibringen? Ich möchte nur mal eine einzige Nacht richtig durchschlafen...
APOTHEKERIN Naja, Sie sehen ja wirklich nicht besonders gut aus...
LAMORAK Bitte...
APOTHEKERIN (mitleidig lächelnd) Naja gut, ausnahmsweise... aber wehe ich sehe am Montag hier kein Rezept liegen!
(Die Apothekerin geht nach hinten und kramt in einer Schublade. Als sie gefunden hat, was sie sucht, schlurft sie zurück hinter die Kasse.)
Das ist jetzt eines der stärksten Schlafmittel, die wir überhaupt dahaben.
LAMORAK Ich schwöre, daß ich das Rezept am Montag bringe. Sie können ja meinen Ausweis behalten, dann muß ich ja wiederkommen. (Verhalten lächelnd) Brauch ich eh nicht mehr...
(Die Apothekerin nickt zufrieden. Er schiebt ihr seinen grünen Personalausweis über den Tresen und zahlt die Schachtel mit den Schlaftabletten.)
APOTHEKERIN (müde lächelnd) Sie könnten mir mal etwas von ihrer Schlaflosigkeit abgeben, junger Mann!
LAMORAK (grinst) Schön wär's... Jedenfalls vielen Dank! Sie haben mir echt voll geholfen!
APOTHEKERIN (blickt ihm kopfschüttelnd hinterher) Komischer Kauz...

Sie betrachtet für einen Moment das Foto in seinem Personalausweis und legt diesen dann desinteressiert in eine kleine Schublade neben der Kasse. Danach setzt sie sich wieder auf ihren Hocker und liest weiter in ihrer Bildzeitung.

 

Vierte Szene

Wieder der Raum in dem die Party gefeiert wird. Es ist jetzt viel voller und verraucht, die Kerzen sind schon fast ganz heruntergebrannt. Auch Spiro und Kara tanzen mit langsamen, wiegenden Bewegungen.

KARA (beugt sich zu Spiro hinüber) Schau mal, Schau doch mal! Da ist doch Lamorak, oder?
SPIRO (aufgeregt und ungläubig)Wo? Ach ja! Hey, Lamorak! Warte mal, der hört mich nicht. LAMORAK!!!
(Lamorak steht verlassen da, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Als er Spiro erkennt, lächelt er.)
LAMORAK Hi, wo kommst du denn plötzlich her? Ich hab schon geschaut, aber niemanden gesehen, den ich kenne.
SPIRO (unkompliziert) Du mußt halt mal jemanden ansprechen, dann kennst du auch jemanden. Es sind ja genügend Leute da, oder? Wir tanzen übrigens ganz da hinten. (verlegen) Kara ist auch da.
LAMORAK Geht ihr jetzt miteinander?
SPIRO Ich glaube schon... Ja. Das hatte sich ja schon länger angebahnt... Tut mir leid, wenn ich...
LAMORAK (mit den Händen abwehrend) Nein, ist schon gut. Ich wußte ja, sie liebt dich. Sie hat zur Zeit keinen Freund. Das hast du doch gesagt, oder? Naja, jetzt wissen wir ja warum... Hätte mich auch nur gewundert. Einmal sind wir dagesessen, nur zu zweit in ihrem Zimmer, da hab ich gedacht, vielleicht mag sie mich ja doch, aber es stimmt nicht... Spiro... Den Namen will sie hören. Und dein Gesicht dazu sehen. Sie redet dauernd von dir. Es haben sowieso alle schon einen Freund. Wenn du dich umsiehst... Niemand ist so allein... Und was sollten die auch mit mir? Wenn es solche wie dich gibt!
SPIRO (verletzt)Du brauchst mir nicht ewig etwas vorzuwerfen für das ich nichts kann!
LAMORAK Liebe! Das bedeutet Licht. Siehst du, da tanzt Kara. Und noch immer... Ich könnte mich vor sie hinknien und flehen und alles tun... bitte... Und vergeblich! Sie würde mich nicht beachten.
SPIRO (mißbilligend) Du bist schon wieder total blau!
LAMORAK (lacht bitter) Ja, ich! Was soll ich denn sonst tun?
SPIRO Das mußt du schon allmählich selber wissen. Es kann dir nicht dauernd jemand zurück auf die Beine helfen.
LAMORAK Ich weiß gar nichts mehr... Es lag nicht an der Schule. Wahrscheinlich nur an mir selbst. Ich lebe und liebe ins Nichts hinein. Alles was ich sehe, mißinterpretiere ich, flüchte mich in falsche Träume. Von Liebe...Ich kann mich nicht ändern, Spiro! Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen, ich ekle mich so davor, das Problem meiner selbst anzugehen. Ich schäme mich! Ich hasse mich!
SPIRO (ernst)Du weißt, daß ich dein Freund bin. Daß wie über alles reden können.
LAMORAK (zynisch) Ja, und du hast jetzt Kara...
SPIRO Für immer! Wir kennen uns schon so lange. Irgendwann muß das doch vorbeigehen, Lamorak. Weißt du noch, wie wir uns unsere Namen ausgedacht haben. Spiro Solamon! Wer kommt denn auf sowas?
LAMORAK (schwach lächelnd) Wahrscheinlich nur ein Idiot wie ich.
SPIRO Du brauchst doch nicht alles zu glauben, was dir deine Eltern so erzählen. Oder irgendwelche Lehrer... Du mußt auf dich hören. Nur auf dich selber. Deine eigenen Entscheidungen treffen und dazu stehen.
LAMORAK (kreischt los) Ja, und genau das kann ich nicht mehr! Starrt mich nur alle dumm an! Warum versteht mich denn keiner?
KARA (hat sich von der Tanzfläche entfernt) Hi Lamorak. Was ist denn los?
SPIRO (schulterzuckend) Der dreht einfach durch. Ich weiß auch nicht, was ich noch machen oder sagen soll.
(Kara legt einen Arm um Spiro und lächelt ihn verliebt an. Er beugt sich zu ihr hinunter und küßt sie sanft, auf die Lippen, auf den Hals.)
LAMORAK (stöhnend) Ich halt das nicht aus!
(Lamorak stürzt an den beiden vorbei nach draußen in die kalte Nachtluft)
Ja starrt mir nur nach, nackt und verraten, spießt mich schon auf mit euren gierigen Blicken!

 

Fünfte Szene

Straße. Lamorak allein auf dem Gehsteig vor dem Gebäude, in dem die Party gefeiert wird, beleuchtet von einer Straßenlaterne. Man hört verhalten Stimmen und Musik hinter der großen, geschlossenen Holztür. Lamorak hält eine Flasche Wein in der Hand und kauert sich vornübergebeugt in seinen Mantel. Er starrt finster auf den Boden, das Gesicht von den Haaren verdeckt. Es regnet.

LAMORAK Ausgesperrt... Sollte ich nicht da drin sein und tanzen? Wie alle anderen lachen und glücklich sein? Ach nein... Ich flüchte mich in Hysterie. Träume vom Abschied. Die Nacht ist schwarz. Mir ist so kalt... Und mir ist schlecht...
(Er lehnt sich zur Seite und übergibt sich. Bleibt auf der Seite auf dem Gehsteig liegen.
Murmelnd) Ich bin so müde...
(Ein schwarzgekleidetes Pärchen kommt vorüber, steuert auf den Eingang zu.)
MÄDCHEN (spöttisch) Schau dir den mal an!
JUNGE Der hat wohl n bißchen zuviel erwischt!
(Sie verschwinden kichernd in der Disco.)
LAMORAK (höhnisch) Das möchte ich sehn! Mein eigenes, lächerliches Ende! Wenn ich mich windend dort unten am Boden liege und alles über mich hinwegwalzt. Von unten erscheint alles noch größer ferner, bedrohlicher... Wenn man nicht mehr aufstehen kann. Die ganze Welt mit ihrem Tagesgeschehen und Millionen gleißender Augen die eisern in mein Fleisch schneiden. Aussätziger! Beachten tun sie mich nicht, nur hin und zurück, ein lautes, böses Gewitter, keine Ordnung, im nirgendwo...
(Die Tür wird aufgerissen und Spiro stürzt hinaus, schaut wild nach links und rechts und rennt zu Lamorak als er ihn erblickt.)
SPIRO (erschrocken) Lamorak!
(Er packt Lamorak an der Schulter, schüttelt ihn. Lamorak rührt sich nicht.)
Mensch, jetzt komm schon! Setz dich erst mal hin!
(Er packt Lamorak unter den Armen und hilft ihm, sich aufzusetzen. Lamorak sinkt gleich wieder in sich zusammen, die Beine ausgestreckt, das Kinn auf der Brust. Er starrt trübe zu Spiro hinauf.)
LAMORAK Was willst du denn noch?
SPIRO Willst du nicht wieder reinkommen? Die Musik ist echt total gut. Ich kann dich dann doch mit heimfahren. Es ist noch gar nicht mal so spät. Schütt doch das Scheißzeug hier endlich weg!
(Spiro versucht, Lamorak die Weinflasche wegzunehmen, doch der zieht seine Hand blitzschnell zurück, so daß noch etwas von dem roten Wein über den Rand hinaus auf das Pflaster schwappt)
LAMORAK (aggressiv) Laß das!
(Spiro zieht die Hände verwirrt zurück und steckt sie verwirrt in die Hosentaschen.)
SPIRO Was ist denn nur los mit dir? Komm, gehen wir rein... Wir können uns irgendwo hinhocken und reden... Aber doch nicht hier draußen, wo's regnet...
LAMORAK (plötzlich grinsend) Mich hat der Teufel geritten!
SPIRO (unsicher) Du hast nur viel zu viel getrunken...
LAMORAK Manchmal bin ich plötzlich ganz da oben. Ein Stern, festgepinnt am Firmament. Schmerzen! Und dann sehe ich. Euch alle. Da unten, ganz klein, wie ihr alle vergeblich im Dreck wühlt , nach höherem strebt und euch einbildet, ihr hättet eine Bedeutung. Dabei seid ihr alle nur winzige Sandkörner, nicht einmal Samen. Eine erstickende Flut aus Sand! Was seid ihr schon gegen die Ewigkeit...
SPIRO (tritt einen Schritt zurück) Der Alkohol schadet dir bloß. Du wirst ja noch verrückt. Hast Wahnvorstellungen!
LAMORAK Nein, nein! Ich sehe! Ich muß leiden!
SPIRO Du bist nicht mehr normal! Warum redest du dauernd so nen sinnlosen Quatsch? Und warum sitzt du hier noch blöd im Regen? Wenn du einmal sagen würdest was los ist, einmal konkret werden würdest, daß jemand anderes dich versteht, aber nie! Ich möchte echt wissen, was du noch erwartest!
LAMORAK (leise) Nichts... Gar nichts... Geh doch weg...
SPIRO (wütend) Und genau das mach ich jetzt auch! Bleib doch hier hocken und erzähl dir deinen ganzen Scheiß selber! Kara hat dich bei sich wohnen lassen. Und ich hab mich bei deiner Mutter rausreden müssen, als ich deine Klamotten geholt hab! Du hast echt mal Freunde gehabt, Lamorak! Aber du haßt Menschen ja. Langsam glaub ich es wirklich. Bei dir hat keiner ne Chance. Ich stell mich hier jedenfalls nicht länger in den Regen und laß mir von dir erzählen, daß sowieso alles sinnlos ist! Du brauchst bestimmt keinen! Kein Mensch kann dich je vom Gegenteil überzeugen! Es hat ja doch keinen Sinn! Dann schau, wo du bleibst!

Spiro steigt über Lamorak hinweg und knallt die Eingangstür der Disco hinter sich zu. Der Regen wird stärker. Lamorak verbirgt sein Gesicht in den Händen. Dann steht er auf und torkelt die Straße entlang, in einer Hand die Weinflasche. Immer wieder stolpert er vom Gehsteig auf die Straße. Unter dem Lichtkreis einer Straßenlaterne dreht er sich plötzlich mehrmals wild im Kreis, die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt.

 

Sechste Szene

Spiro und Kara in einem Sessel in der Disco. Kara sitzt auf Spiros Schoß und sie küssen sich.

SPIRO (nachdenklich) Ich hab ihm knallhart die Meinung gesagt. Aber eigentlich wollte ich das gar nicht...
KARA (berührt sanft sein Gesicht) Er kann einen ja auch zum Wahnsinn treiben.
SPIRO Er ist verliebt in dich.
KARA Ich weiß. Wie er mich ansieht. Ich mag ihn ja... aber nicht so. Vielleicht bloß einfach als Kumpel. Man kann sich ganz gut mit ihm unterhalten. Er weiß total viel.
SPIRO (seufzend) Er denkt einfach zuviel über alles nach... Ich meine, ich mach das auch, aber er... Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß alles so sinnlos ist, wie er's sagt. Ich kann immer an allem noch etwas gutes finden. Sogar am lernen. Ist doch auch irgendwie interessant. Ich möchte viel wissen. Tu es ja für mich selbst. Aber vielleicht braucht er ja wirklich nur ne Freundin...
KARA In ihn kann man sich nicht verlieben. Sonst hätte er doch schon längst eine. Er sieht eigentlich unheimlich gut aus.
SPIRO (gedankenverloren) Unheimlich, ja...
(Er macht plötzlich Anstalten, sich aus dem Sessel zu erheben)
SPIRO Ich glaub, ich geh nochmal raus und schau nach ihm. Vielleicht kann ich ihn doch noch überreden, oder wenigstens heimfahren. Er tut mir so leid... Ich wollte ihn nicht anschreien.(Er zuckt mit den Schultern)
Ich fürchte, das war genau falsch, wie ich ihn vorhin behandelt hab. Oh, Scheiße...
(Kara bleibt allein im Sessel sitzen und blickt ihm kopfschüttelnd nach)
KARA Manchmal denke ich, Lamorak hat Freunde, die er gar nicht verdient. Spiro macht sich immer solche Sorgen um ihn... Wie ein großer Bruder. Er übernimmt fast schon Verantwortung für ihn... Aber vielleicht hat er ja Recht... Lamorak braucht Liebe. Und wer gibt die ihm schon?
(Nach einiger Zeit kommt Spiro allein zurück, Regentropfen glitzern auf seiner Lederjacke.)
SPIRO (unbehaglich und schulterzuckend) Er war nicht mehr da. Ich bin die ganze Straße abgelaufen... Naja, wahrscheinlich ist er endlich heim. Dem war sowieso sauschlecht...
KARA (verwundert und leise, so daß Spiro es nicht hören kann) Komisch... Tilo und Beate sind heute abend auch nicht da. Und Lamorak hat doch gar keinen Schlüssel...

(Der Vorhang fällt)

 

Akt IV

Erste Szene

Friedhof. Lamorak allein. Er hockt im Schneidersitz auf einem großen, flachen Grabstein, der Mantel hinter ihm ausgebreitet wie eine Schleppe. Er hat drei oder vier überdachte Friedhofskerzen von den anderen Gräbern genommen, angezündet und neben sich und die Weinflasche gestellt. Sein Gesicht leuchtet hager und gespenstisch weiß im flackernden Licht, seine Haare hängen strähnig und naß. Die dunkle Fläche hinter ihm zeigt seinen wabernden Schatten, riesengroß und verzerrt. Es regnet, aber nicht mehr so stark wie zuvor.

LAMORAK Und noch regnet es... Der Himmel kotzt sich aus wegen meiner Häßlichkeit, weint um meine verdorbene Seele...
(Starrt mit dämonischem Blick ins Kerzenlicht)
Eigentlich gibt es gar kein Licht, keine wahre Helligkeit. Der Horizont ist düster zugezogen. Der schwarze Vorhang breitet sich samten vor meinen Augen aus, umschließt mich fest und kennzeichnet meine Grenzen. Ich stoße dagegen, wenn ich mich rühre. Eine Mauer aus Schweigen und Angst, aus der ich nicht ausbrechen kann. Dann verbleibe ich hier... Alle Versuche enden schlecht. Durch falsche Worte meine Seele gefühlt, mit kribbelnden Fingern das Nichts berührt, wollte es wegstoßen, die eine Liebe heucheln, die nie war und nie sein kann. Ich kann nur immer tiefer sinken. Fühl es, füll es, diese Leere...
(Er nimmt einen gierigen Schluck aus der Rotweinflasche, die neben ihm steht.)
Jeder Tag ist ein weiterer unerträglicher Sog aus Qualen, aus der Last auf meiner Brust. Paraphrasierte Schläge gegen meinen Kopf, der fast aufplatzt und innerlich wild schreit...
Sehnsucht!
Würde ich nicht alles tun, um zu leiden? Meine besten Freunde wegstoßen? Nein, nein! Seht mich bloß nicht an! Sagt nichts zu mir! Kein freundliches Wort! Auch die nicht, die es wirklich meinen?
(Er rauft sich mit beiden Händen die Haare, bis sie wild und struppig nach allen Seiten abstehen.)
Warum kann ich nicht normal sein? Dem Bild meiner Eltern entsprechen?
Aber mein Geist verschließt sich vor mir, meine Sinne sperren sich gegen den ganzen Lärm. Stimmen gibt es doch schon genug! Aufgequollen kann ich ihnen lauschen, selbst hier... Im Dunklen, der tiefen Nacht. Was soll ich tun? Die Frage. Und plötzlich Schweigen aus dem finsteren Grab. Ich blicke suchend in die Schwärze... und verstehe nicht!
(Jetzt leiser, schneller und gehetzt)
Gedanken foltern mich, Sekunde um Sekunde, und es gibt kein Entrinnen, kein Vergessen. Die Leere gähnt mich an und erdrückt mich, treibt mich weit fort, zieht mich mit sich ins Nichts hinunter, und ich! Ich kämpfe immer weiter... vergeblich. Sogar dann noch, wenn ich ohnehin längst weiß... Ich gebe nicht auf. Aber mein Herz ist schon klein verbrannt, ignoriert und ausgequetscht vom Haß, der gierig daran nagt, so alt! Ich will nicht mehr kämpfen!
(plötzlich aufkreischend)
OH GOTT!
(Er kniet auf dem Grabstein, die Arme hängen herunter, und starrt nach oben in den finsteren Himmel. Man kann nicht erkennen, ob die Nässe auf seinem fahl leuchtenden Gesicht vom Regen kommt oder von Tränen. Dann sinkt Lamorak in sich zusammen, kauert mit rundem Rücken auf dem Grabstein, die Arme über dem Kopf, als ob er sich vor Schlägen schützen müßte.)
Warum rufe ich denn die leeren Worte ausgerechnet hier, am eigentlichen Richtplatz? Hinter ihnen steht doch weiter nichts, sie bescheinigen höchstens die Ausflüchte für die Unfähigkeit der menschlichen Psyche, ihrer Existenz aus sich selbst einen Sinn zu verleihen. In Sicherheit ruhen können sie, wenn sie zu wissen glauben, daß über ihnen ein allmächtiger Beschützer trohnt. Doch was, wenn er fällt? Fragen darf man nicht. Wozu eine Kirche für einen toten Gott? Ich hab ihn darin nicht wohnen sehen!
Aber keine Zweifel, die an dem götzernen Sockel rühren. Der Mensch ist von Natur aus gut! Ein Satan hat doch keinen Platz hier! Der böse Geist ist ausgetrieben Und ein Mord folgt dem nächsten. Wir glauben alle fest. Alle, nur ich nicht! Was wollt ihr immer wissen?
Hinter dieser Welt verbirgt sich allein die unendliche Ewigkeit. Und das schwarze Nichts, in das wir gestoßen werden, wenn wir es wagen, loszulassen.
Der Verstand fällt.
Einsam...
(Er holt ein weißes Päckchen aus seiner Manteltasche und packt es aus: ein Plastik- fläschchen. Er schraubt es auf und schüttet den Inhalt in seine Handfläche. Ein paar der blauen, länglichen Tabletten fallen herunter auf den Grabstein. Lamorak starrt auf seine volle Handfläche und lacht leise.)
Zukunftsgedanken - reiner Hohn! Betrogen... Mein Name, hier!
(Er ballt die Hand mit den Tabletten zur Faust und streckt sie von sich nach vorne, die Fingerknöchel treten weiß hervor. Mit der anderen Hand stützt er sich ab. Sein Gesicht ist verzerrt.)
Klein und zerrissen in meiner Faust. Man denkt, er klebt daran fest, zusammen mit dem fremden Urteil, sein zu müssen und bestehen zu bleiben, bis...
(Er bricht in hysterisches Kichern aus.)
Was ist schon ein einzelner Wille?
(Er stopft die Tabletten wie verrückt in den Mund, greift sich die Weinflasche und würgt die Tabletten hörbar damit hinunter. Der rote Wein läuft in kleinen Rinnsalen links und rechts von seinem Mund hinunter wie Blut und tropft von seinem Kinn auf den Grabstein. Er lächelt kurz, als er die Flasche absetzt und setzt sich wieder so hin, wie am Anfang, das Kinn in die Hände gestützt.)
Machtlos muß ich nun warten... Daß irgendjemand zurückkommt und mich aus mir selbst ausgräbt. Meine Hand nimmt und mich wegführt. Den Schutt beseitigt und den wahren Ursprung zurückholt an die Wirklichkeit. Doch zu spät...
(Er hebt den Kopf.)
Ich lausche nur bewegungslos den seltsamen Geräuschen um mich her... Die Nacht lebt...
(Er wirft den Kopf nach links und rechts, versucht angestrengt durch die Dunkelheit zu starren.
Lauter) Ich hab Angst!
(Er hebt abwehrend die Hände.
Angsterfüllt, beschwörend) Die gottlose Dunkelheit rückt näher, greift nach mir, mit ihren Klauen, hier! Vor meinem Gesicht! Und ich bin gelähmt... eingekreist... möchte fliehen... wohin denn noch?
(Er springt auf, dreht sich in alle Richtungen, weicht ängstlich zurück, wie wenn sich ein Kreis von Angreifern, aus dem er nicht ausbrechen kann, immer dichter um ihn schließt.
Panisch kreischend)
ICH HAB ANGST!
ICH BIN SO ALLEIN!
HILFE!
(leiser, im Begriff zu schluchzen, langsam und verzweifelnd zu Boden sinkend)
Warum hilft mir denn niemand!
Jetzt... jetzt bräuchte ich euch!
(Allmählich gleitet er auf den Grabstein zurück, wischt sich wegen der Tränen mit den Händen ein paarmal über das Gesicht bis er auf der Seite liegt. Er zieht die Beine an, rollt sich ganz klein zusammen und kuschelt sich in seinen Mantel.
Jetzt schläfrig murmelnd) Mir ist so kalt...Und plötzlich bin ich müde... Heute kommt doch keiner mehr... Erschöpft und ohnehin erschlagen... (er gähnt) Ich bin traurig...Tief in mir ist ein Loch, in das ich falle... Ich glaube es wird größer... sicher sehr dunkel... Die Geräusche schrecken mich nicht... Trinkt nur von meinem Blut... berauscht euch daran... und laßt mich doch endlich schlafen...
Mein Körper ergibt sich endlich... ganz weich und schwach... schon kaum mehr zu spüren... so müde... und bleibt dort liegen... eine kleine, häßlich verkümmerte Hülle... So wird keiner um ihn trauern. Keiner wird ihn je vermissen... Es hat ihn ja nie gegeben... nur meine Seele lernt fliegen... Ha ha...
(Das Licht verlischt plötzlich, man hört Lamorak noch einige Zeit tief und gleichmäßig atmen, dann vollkommene  Stille.)

 

Zweite Szene

Park. Kara und Spiro mit ihren Schultaschen am Ufer des Teiches. Die Sonne geht gerade auf, das Wasser des Sees erscheint glatt und unberührt. Sie halten sich an der Hand und werfen jeder je eine geköpfte rote Rose ins Wasser, die langsam davontreiben. Wenden sich mit gesenkten Köpfen um und gehen langsam Hand in Hand davon.

(Der Vorhang fällt)

 

ENDE